top of page

Wir sind nur die Hüter dieses Hauses

  • Autorenbild: Arlette Pinggera
    Arlette Pinggera
  • 13. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Jan.

Am 9. Dezember, etwas mehr als einen Monat nach unserem Einzug, war es endlich so weit. Wir haben am letzen Dienstag den Kaufvertrag für unser neues Zuhause unterschrieben.


Endlich. Endlich gehört das Haus, in dem wir jeden Morgen aufwachen, auch offiziell uns.

Und diese seltsame Zwischenwelt, in der wir, vom Notar genehmigt, in einem Haus leben durften, das uns noch nicht gehörte, ist beendet. Ein Zustand der sich etwas anfühlte, wie ein geliehener Pullover. Warm, bequem, aber immer mit der leisen Sorge, etwas könnte reissen.


Vom ersten Tag an fühlten wir uns hier zu Hause. Dieses Haus, ein altes Bauernhaus mit einer Seele, die tiefer atmet, als moderne Wände es tun, hat uns aufgenommen, als hätten wir schon immer dazugehört.


Es ist kein gewöhnliches Bauernhaus. Natürlich gibt es die typischen Dinge, wie den grossen Sandsteinkamin, den alten Spültrog, die Sandsteinplatten am Boden der früheren Küche, die groben, ehrlichen Eichenbalken.

Aber dazwischen blitzen feine Details auf. Stuckdecken, elegante Kamine, zarte Details, die man eher in einem Herrenhaus vermuten würde. Als hätte ein früherer Bewohner beschlossen, dem bäuerlichen Alltag still und heimlich etwas Poesie zu schenken.


Als wir meinem Papa die ersten Fotos zeigten, sagte er: "Dieses Haus hat Glück, dass es von euch gekauft wird. Jeder andere würde es kaputt renovieren."


Und genau das war der Moment, in dem wir wussten, dass wir am richtigen Ort sind.


Seit Jahren wundern wir uns, wie oft alte Häuser gekauft werden, um sie so umzubauen, zu sanieren, zu modernisieren, dass von ihrer Seele kaum etwas übrig bleibt. Böden, Wände, Decken alles neu, alles glatt, alles regelkonform. Und am Ende steht ein Haus da, das aussieht, als hätte man eine historische Kulisse um einen modernen Neubau gezogen. Ein Abziehbild des Alten.

Natürlich, jeder darf so leben, wie er will. Doch die Frage sei gestatet, weswegen kauft man Alt, wenn man eigetlich Neu wohnen will?

Uns bricht jedes Mal das Herz, wenn wir in so ein Haus kommen und spüren, dass man seine Geschichte herausgerissen hat wie eine alte Seite, die nicht mehr ins Konzept passt. Und so werden es immer weniger. Diese Häuser, deren Substanz wirklich noch intakt ist. Sie werden weniger, still und leise und mit ihnen verschwinden ganze Kapitel gelebter Kultur.


Doch es gibt sie, die Menschen, die die alte Substanz bewahren möchten. Die verstehen, dass man ein Haus, das hundert oder zweihundert Jahre überstanden hat, nicht modernisiert, sondern respektiert. Doch diese Menschen sind rar. Sehr rar.


Unser Plan ist, dieses Haus zu beschützen. Seine Ecken und Kanten zu bewahren, seine alten Wände weiteratmen zu lassen, sein Flüstern nicht zu übertünchen, sondern zu begleiten. Denn alte Häuser sind wie alte Freunde: Sie brauchen kein neues Gesicht, nur Menschen, die ihre Falten mögen.

Vielleicht ist es genau deshalb, dass dieses Haus uns so sehr berührt. Weil es noch da ist, ganz und mit allen Falten und Narben.


Und als wir am 9. Dezember unterschrieben, fühlte es sich nicht an, als hätten wir ein Haus gekauft. Es fühlte sich an, als hätten wir eine Aufgabe angenommen. Ein Versprechen gegeben.

Ein Versprechen, gut auf dieses Haus aufzupassen. Auf seine Geschichte. Auf seine Seele. Auf alles, was es in den kommenden Jahren mit uns teilen möchte. Nicht als Bauherren und Besitzer, sondern als Bewahrer und Hüter.

Und vielleicht ist das die schönste Aufgabe, die ein Zuhause einem Menschen geben kann, denn es ist ein Vermächtnis, dem wir gerecht werden wollen.

Jetzt, da die Schlüssel auch auf dem Papier uns gehören, können wir endlich richtig ankommen. Und wir glauben, dieses alte Haus hat leise aufgeatmet.


Wir übrigens auch.


À bientôt





Kommentare


bottom of page