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Noel und der Hefeteig

  • Autorenbild: Arlette Pinggera
    Arlette Pinggera
  • 28. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Wir begegneten Noel am letzten Wochenende vor Weihnachten, an unserem eigenen kleinen Weihnachtsmarkt, in der Wohnwerkstatt in der Schweiz. Ein Ort, der einmal Restaurant war, dann Treffpunkt, dann Erinnerung und an manchen Tagen wieder ganz lebendig.

Ein halbes Jahr zuvor hatten wir unser Restaurant im Engadin eröffnet. Es war mein erster Winter dort oben, unser erster Weihnachtsmarkt in S-chanf und wir hatten ehrlich gesagt keine Ahnung, was uns erwarten würde. Dass so viele Menschen kommen würden, überraschte uns. Dass es so warm werden würde, trotz Schnee und Kälte, noch viel mehr.


Draussen auf dem Platz stand eine grosse Feuerschüssel im Schnee. Ein lustiges Feuerchen knisterte darin.

Gegen Ende des ersten Markttages standen drei junge Männer um das Feuer und wärmten sich die Hände. Sie trugen Langlaufkleider, die Skier lehnten an der Hauswand und Joos brachte ihnen den ersten Glühwein. Langsam kehrte die Wärme in ihre Finger zurück und sie schienen keine grosse Eile zu haben, wieder zu gehen.


Als wir abends schlossen und die letzten Besucher sich verabschiedeten, standen sie noch immer dort. Sie fragten, ob sie nicht auch hereinkommen dürften, um das Fondue zu essen, das im Auto auf sie wartete. Joos kochte ihnen ein paar Kartoffeln und so sassen sie mit uns und den Mitausstellern an einem langen Tisch, so wie wir es immer taten nach einem Markttag. Suppe, Käse, ein bisschen Chaos, viel Gelächter. Die drei Langläufer assen ihr Fondue, als wären sie schon immer Teil davon gewesen und irgendwann tanzten sie in ihren Langlaufschuhen durch die Wohnwerkstatt.

Einer von ihnen hiess Noel.

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Von da an kam er immer wieder. Mal alleine auf ein Bier oder einen Gin, mal in Begleitung zum Nachtessen. Und mit der Zeit nicht mehr als Gast, sondern als Freund. Hie und da brachte er uns einen selbst gebackenen Zopf vorbei. Einfach so.

Diese Zöpfe waren immer fein. Und sie sahen immer genau so aus, wie man sich einen perfekten Zopf vorstellt.

Gleichmässig geflochten, schön gebräunt, ruhig. Meine eigenen Zöpfe hingegen sind jedes Mal ein kleines Überraschungspaket. Meistens fein, ja. Aber selten gelingen sie mir so, wie ich mir das wünschen würde.


Irgendwann kam mir der Gedanke, dass das Gelingen von Hefeteig vielleicht weniger mit Rezepten zu tun hat als mit etwas anderem. Mit innerer Ruhe vielleicht. Oder mit deren Abwesenheit.

Es gibt Menschen, denen gelingt Hefeteig nie. Und es muss doch einen Grund dafür geben.


Noel gehört eindeutig nicht dazu. Er ist einer dieser Menschen, die Ruhe ausstrahlen, ohne still zu sein. Die nichts überstürzen und doch nie zögern. Alles scheint bei ihm mit Bedacht zu geschehen. Vielleicht fällt es deshalb so leicht, in seiner Nähe langsamer zu werden.

Von Beruf ist Noel Journalist. Er schreibt für Zeitungen, aber nicht jene Texte, die man schnell überfliegt und gleich wieder vergisst. Er schreibt Texte, die bleiben. Solche, die Eindruck hinterlassen, nicht laut, sondern tief. Durch seine Art, mit Worten umzugehen. Durch das, was zwischen den Zeilen steht.


Vielleicht hat Hefeteig viel mehr mit Persönlichkeit zu tun als wir denken.

Vielleicht geht es bei Hefeteig, genau so wie bei Geschichten um Geduld, um Wärme, um den richtigen Moment und darum, dass Dinge manchmal einfach gelingen, wenn man sie in Ruhe lässt und ihnen vertraut.


Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte. Oder vielleicht genau die selbe.


À bientôt




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