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Gilberts Wände

  • Autorenbild: Arlette Pinggera
    Arlette Pinggera
  • 25. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Gilbert war ein Mann, der sein Leben lang seinen eigenen Kopf gehabt hatte.

In seiner Altstadtwohnung in Lyon war alles, wie er es mochte. Das knarrende Parkett, die schweren Vorhänge, das alte Grammophon in der Ecke. Und die Tapeten. Ach, die Tapeten!

Sie waren schon seit Jahrzehnten an den Wänden, löchrig, verblasst, stellenweise abgeblättert und genau so mochte Gilbert sie.

Jeder Riss, jede Macke erzählte ihm Geschichten, von vergangenen Sommern, von Regentagen, von Abenden vor langer Zeit, an denen er noch jung war und voller Pläne.


Doch seine Schwiegertochter, eine Frau mit Stil und dem unerschütterlichen Glauben an kleine Wunder, sah die Tapeten nur und dachte: "Gilbert verdient ein Wohnzimmer, das ihn wärmt."


So kam es, dass eine Woche vor Weihnachten zwei Handwerker an der Tür klingelten. Gilbert, der gerade die Zeitung sortierte, starrte sie an, als hätten sie sich in die falsche Wohnung verirrt. "Was ... was machen Sie hier?"

"Wir kommen, um die Tapeten zu erneuern, Monsieur." Er brummte, schüttelte den Kopf, stampfte durch die Wohnung, als könnte sein Missfallen die Tapeten wieder an die Wand kleben. Alles schien verloren.

Tag für Tag wirbelten Farbe, Kleister und neue Muster durch sein Wohnzimmer. Gilbert schimpfte, fluchte, schlich um die Rollen herum und fühlte sich dabei beinahe wie ein Eindringling im eigenen Zuhause.


Am Heiligabend aber, als die Handwerker gegangen waren und alles still war, setzte sich Gilbert in seinen grossen, alten Ohrensessel. Der Kamin knisterte, die Kerzen flackerten und vor ihm schimmerten die Wände in einem matten grau-oliven Ton. Keine Risse mehr, keine Flecken, kein Bröckeln. Nur Ruhe. Die Tapete war genau richtig für ein Herrenzimmer.


Er staunte. Lange, ganz still. Dann blitzten seine Augen auf, glitzerten wie die Lichter an einem Weihnachtsbaum, den er nie gekauft hatte. Und plötzlich spürte er etwas, das er schon fast vergessen hatte. Freude. Eine stille, leise Freude, die durch sein Wohnzimmer wanderte und in jedem Winkel stehen blieb, als hätten die neuen Tapeten sie eingeladen.

"Hm", murmelte er, fast verschmitzt, "nicht schlecht ..." Und zum ersten Mal seit Jahren lächelte er, nicht aus Höflichkeit, nicht aus Gewohnheit, sondern aus reinem, unerwartetem Glück.

Draussen fiel der Schnee auf die Dächer der Altstadt von Lyon und Gilbert dachte bei sich, vielleicht ist Weihnachten ja doch ein bisschen wie frische Tapeten. Man weiss nie genau, wie es wird, bis man hinsieht.


À bientôt




Tapete "Le Salon de Monsieur Gilbert" von Villa Mille Feuilles


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