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Eine kleine Weihnachtsgeschichte über das, was bleibt.

  • Autorenbild: Arlette Pinggera
    Arlette Pinggera
  • 5. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Es gibt Dinge im Leben, die wir nie wegwerfen würden, auch wenn sie weder schön präsentiert noch täglich benutzt werden.

Sie liegen irgendwo in Schachteln, wandern von Haus zu Haus, begleiten uns im Verborgenen, manchmal über Jahre hinweg.

Und dann passiert es: ein Umzug, ein neuer Anfang, ein bisschen Staub, ein bisschen Chaos und plötzlich hält man etwas längst vergessenes in der Hand. Eine kleine Trouvaille, die sich still zwischen all den Kartons versteckt hat und geduldig darauf wartete, wiederentdeckt zu werden.


So ging es mir auch dieses Mal.

Zwischen alten Zeitungen, lose verpackten Tellern und einem Stapel Fotos tauchte ein kleines, fast unscheinbares Büchlein auf. Vierzig Seiten, nicht mehr. Ein Kochbuch, das ich vor über zwanzig Jahren für mich selbst gestaltet hatte und für ein paar Menschen, die mir damals besonders nah standen. Nichts Grosses. Nichts Besonderes. Und doch eines dieser Dinge, die man nie wegwirft.


Ich hielt es in den Händen wie ein flaches Stück Vergangenheit. Ein kleines, stilles Erinnern daran, wer ich damals war, was mir wichtig war und wie sehr manche Dinge uns leise begleiten, ohne jemals laut zu werden.


Und nun stehe ich da, mit diesem kleinen, vergessenen Kochbuch in den Händen. Bilder aus einer anderen Zeit, Rezepte, bei denen man schon beim Lesen die Butter riecht. Es ist wie eine kleine Zeitkapsel, die sich nur öffnet, wenn das Leben gerade wieder einmal stillsteht.





Und während ich darin blätterte, blieb ich an etwas hängen, das ich völlig vergessen hatte. Ganz hinten im Büchlein, steht eine Geschichte. Eine kleine Absurdität aus meiner Feder. Geschrieben vor über zwanzig Jahren und noch genauso schräg wie damals. Und weil der Dezember der perfekte Monat für unerwartete Geschichten ist, möchte ich sie euch nicht vorenthalten.


Hier also, viel Vergnügen mit meinem persönlichen Adventsfundstück:



Efrem und die Leiche im Keller


Efrem Unterpfunden war gerade einmal drei Jahre alt gewesen, als er und sein Bruder Florian nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern zusammen mit Grossvater Ludwig und Grossmutter Hilda in dieses Haus gezogen waren. Und nun, rund vierzig Jahre später, lebte er noch immer dort, zusammen mit seinem Bruder.

Efrem war Archäologe, ein leidenschaftlicher noch dazu. Seine Arbeit bestimmte seinen Alltag und seine Gedanken. Vielleicht reagierte er deshalb etwas ungehalten, als Florian eines Tages in sein Büro im zweiten Stock platzte, völlig ausser Atem, und behauptete, er habe im Keller eine Türe gefunden.

Es gab viele Türen im Keller, zu viele eigentlich, und so missfiel Efrem die Störung umso mehr. Doch Florian liess nicht locker. Er stammelte etwas von eingestürzten Wänden und geheimen Räumen und wirkte dabei so aufgebracht, dass Efrem schliesslich seufzend aufstand und ihm folgte.


Hinter dem alten Kohlenkeller war tatsächlich ein Teil der Wand eingestürzt und hatte den Blick auf eine weitere, bisher verborgene Türe freigegeben. Die Brüder räumten Schaufel um Schaufel Kohle zur Seite, bis sie schweissnass und atemlos endlich davorstanden. Die Türe liess sich nur mit Mühe öffnen, doch mit Hilfe eines Geissfusses gelang es Efrem schliesslich.

Ein Schwall feuchter, modriger Luft schlug ihnen entgegen. Es war stockdunkel. Während Florian eine Taschenlampe holen ging, tastete sich Efrem bereits in den unbekannten Raum vor. Sein archäologisches Jagdfieber hatte ihn gepackt. Vielleicht, so hoffte er, befand sich hier ein prähistorischer Fund. Vielleicht würde sein Name eines Tages in die Geschichte der Schweizer Archäologie eingehen.

Florian kehrte zurück, in der einen Hand die Taschenlampe, in der anderen einen Apfel. Das Schaufeln und die Aufregung hatten ihn hungrig gemacht. Er leuchtete in den Raum, schwenkte den Lichtkegel hin und her … und erstarrte. Hinter Efrem zeichnete das Licht die Umrisse einer am Boden sitzenden Gestalt nach.

Eine Leiche.


Viel war nicht mehr von ihr übrig; sie musste schon sehr lange dort liegen. Bekleidet war sie mit einer grossen, geblümten Kochschürze, und eine Brille hing schief an ihrem Schädel.

Den Brüdern brach der kalte Schweiss aus. Hastig stolperten sie die Treppe hinauf und alarmierten die Polizei. Die Beamten fanden im versteckten Kellerraum nebst der Leiche ein Regal voller leerer Planta-Margarine-Schachteln und einen wilden Stapel handgeschriebener Kochrezepte.

Anhand alter Unterlagen und Hinweise konnte schliesslich rekonstruiert werden, wessen sterbliche Überreste die Brüder entdeckt hatten.

Die Leiche im Keller war Betty Bossi.


Wenn ich heute diese Zeilen wieder lese, muss ich schmunzeln, über die Fantasie, die Freiheit und den Humor, den ich damals hatte und der mich heute noch immer begleitet.


Vielleicht ist das genau das, was wir uns zu Weihnachten schenken sollten: Die Erinnerung daran, dass Geschichten uns wärmen können, auch die ganz verrückten. Und dass unsere Vergangenheit voller kleiner Fundstücke ist, die darauf warten, wieder ans Licht zu kommen.


In diesem Sinne: Frohe Adventszeit und ein herzliches "Phüeti Gott" von Grosi Emma.


À bientôt


PS: Ah und übrigens: die junge Frau auf der Leiter, oben auf dem Bild, ist Frau Bönzli aus Bern in jungen Jahren, die geneigte Leser und Leserinnen bereits aus meiner Adventsgeschichte "Der falsche Wunschzettel" kennen.

Ja ja, so ist das, wenn man mich kennt: Wie der Metzger jedes Fitzelchen Fleisch zu Wurst verarbeitet, wandert bei mir jede kleine Anekdote, jeder verrückte Moment irgendwann in eine meiner Geschichten, zumindest in meinem Kopf.




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