Oh là là! Leben in Frankreich auf dem Land
- Arlette Pinggera

- vor 6 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Bis jetzt waren wir mit unserem Leben in La Rochère sehr verwöhnt. Unser Glück hat viel mit unserer Nachbarschaft im Dorf zu tun.
Drei Jahre lang lebten wir fast ein wenig versteckt. Das letzte Haus in einer kurzen, schmalen Gasse, auf zwei Seiten Nachbarhäuser, eines verborgen hinter einer hohen Hecke.
Doch fast täglich hob sich irgendwo ein Kopf über den Gartenzaun. Ein kurzes "Bonjour, ça va?“ Ein paar Worte über das Wetter, über Tomaten, über das Leben. Manchmal ein Apéro. Alles ganz unkompliziert.
Vom zweiten Haus sahen wir eigentlich nur das Dach. Auch dort: freundliche Begegnungen, Gespräche im Vorbeigehen über die Mauer und hie und da ein Bierchen.
Nun ist die Situation eine andere. Auf drei Seiten unseres Grundstücks gibt es nichts. Weite, Bäume und brach liegendes Landwirtschaftsland.
Doch vorne, dort wo sich unser Hauseingang befindet, entlang der schmalen Strasse und unseres grossen Vorplatzes, stehen kleine Häuschen in einer Reihe. Und dahinter noch einmal eine Reihe. In dieser hinteren Strasse wohnt eine Frau, die uns in den letzten drei Monaten bereits zweimal sehr deutlich ihre Meinung mitgeteilt hat. Ansonsten ignoriert sie uns. Sie ist die Einzige weit und breit, die nie grüsst.
Das erste Mal hielt sie neben Joos auf der Strasse an, liess das Autofenster herunter und erklärte ihm ausführlich, unsere Katze betrete regelmässig ihren Garten und mache ihre Hunde verrückt. Sie redete viel. Sehr viel. Joos verstand immerhin die Hälfte und antwortete wiederholt: "Mais c`est un chat." Es ist eine Katze. Als sie nicht lockerliess, versprach er schliesslich, mit Paul zu reden.
Paul zeigt sich bisher wenig einsichtig.
Am Samstag nun standen wir an unserer Einfahrt und schnitten Büsche und Bäume zurück. Sehr viele Büsche. Sehr viele Bäume. Wer hier lebt, weiss, es wächst alles mit einer beeindruckenden Entschlossenheit.
Wir sortierten ordentlich: Grosse Äste werden zu Brennholz. Viel Grünzeug kommt auf den Anhänger und wird zur Déchèterie gebracht. Und die stacheligen Brombeerranken, jene endlosen, wehrhaften Gebilde, verbrennen wir.
Uns wurde von französischen Nachbarn erklärt: Wer Landwirtschaftsland besitzt, darf auf eigenem Terrain ein kleines Feuer machen.
Plötzlich ertönte es hinter uns. Fünfzehn Meter entfernt, von der Strasse her: "OH LÀ LÀ!!!"
Zehnmal mindestens. Das sei verboten hier. "Oh là là!"
Joos versuchte zu erklären, man habe uns versichert, dass wir dürfen. Doch seine Worte wurden von einer weiteren Salve
"Oh là là!" überrollt. Wir könnten das woanders machen, aber nicht hier.
Mein Mann, unterdessen etwas entnervt, startete die Motorsäge. Die restlichen "Oh là là!" gingen im Lärm unter.
Oh là là ist einer jener französischen Ausdrücke, die wir lieben. Eine wunderbare Interjektion, die alles bedeuten kann. Erstaunen, Bewunderung, Begeisterung. Aber ebenso Ärger, Empörung, Besorgnis oder Mitgefühl. Selten so eindeutig, wie man denkt.
Welche Nuance unsere Nachbarin meinte? Schwer zu sagen. Es wäre sicherlich etwas dreist anzunehmen, dass es Begeisterung war. Vielleicht war es Sorge. Vielleicht Prinzipientreue. Vielleicht einfach nur ein sehr französischer Moment.
Wir jedenfalls standen da, zwischen Brombeerranken und Motorsäge und dachten: Oh là là.
À bientôt




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