Schafe auf der Wiese und ein kleines französisches Gesetz namens Bail rural
- Arlette Pinggera

- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Die Geschichte begann bereits im letzten Herbst. Noch bevor wir hier eingezogen waren und dieses Haus wirklich unseres wurde.
Joos war damals mit einem Remorque voller Umzugsgut hier angekommen und gerade damit beschäftigt, alles abzuladen, als ein junger Mann vor dem Stall trat. Höflich fragte er, ob er seine Schafe auf unsere Wiese stellen dürfe.
Joos erklärte ihm, dass die Liegenschaft zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht uns gehörte. Aber er sagte auch, wenn wir dann wirklich die Besitzer seien, solle er doch noch einmal vorbeikommen.
Mein Mann hat ein unendlich grosses Herz. Am liebsten würde er jedem, der mit einem vernünftigen Anliegen zu uns kommt, helfen.
Ich hingegen bin oft die Bremse. Nicht aus Misstrauen, eher aus Erfahrung und weil ich Dinge gerne zu Ende denke.
Ich möchte zuerst verstehen, worauf wir uns einlassen. Und so begannen wir bald, darüber nachzudenken, was wir eigentlich selbst mit diesem grossen Gelände anfangen möchten.
Unsere Ideen waren schnell da: Wir möchten Obstbäume pflanzen. Wir möchten Hühner halten. Und irgendwann vielleicht auch ein paar Ziegen.
Die Hühner werden schon bald bei uns einziehen, denn sie werden gerade schon ausgebrühtet. Sie bekommen ein Gelände in der Nähe der Stallungen.
Für die Obstbäume und die Ziegen jedoch würden wir ziemlich genau jenen Teil des Grundstücks brauchen, für den sich der junge Mann interessierte.
Und ganz ehrlich, wir wissen im Moment noch nicht, wann wir die Zeit haben werden, dieses Projekt wirklich umzusetzen. In diese Überlegungen hinein, stand der junge sympatische Mann vor ca. drei Wochen wieder vor unserer Tür und wir verabredeten einen weiteren Besuch zwei Tage später.
Wir mussten uns also innerhalb zweier Tage einig werden, was wir nun tun wollten. Und während Joos grosszügig Ja sagt, gehöre ich zu den Menschen, die Dingen lieber zuerst auf den Grund gehen.
Ich finde es ziemlich tolldreist, ohne Hintergrundwissen irgendwelche Verträge oder Verpflichtungen einzugehen. Also habe ich mir die Zeit genommen und begonnen, mich ein wenig in die französische Gesetzeslage rund um landwirtschaftliche Nutzungen einzuarbeiten. Und wurde tatsächlich fündig.
Der kleine Stolperstein heisst Bail rural. Und er kann ziemlich fies werden, wenn man ihn nicht kennt.
Ein Bail rural ist ein landwirtschaftlicher Pachtvertrag.
Das Problem: Er kann unter Umständen auch entstehen, ohne dass man bewusst einen solchen Vertrag abgeschlossen hat.
Im schlimmsten Fall reicht es bereits, wenn ein Bauer privates Land nutzt, selbst wenn das ursprünglich nur als freundschaftliche Geste gedacht war.
Das Land kann dadurch für neun Jahre gebunden sein. Und wenn der Vertrag nicht rechtzeitig gekündigt wird oder der Bauer seine Rechte geltend macht, kann sich diese Frist gleich noch einmal um neun Jahre verlängern. Besonders heikel wird es, wenn der Bauer beginnt, auf dem Gelände Arbeiten auszuführen. Zum Beispiel Zäune reparieren, einen Unterstand bauen, Infrastruktur für die Tiere errichten. Sobald solche Dinge passieren, kann das berühmte Damoklesschwert des Bail rural über den Köpfen der Eigentümer hängen.
Natürlich planen wir nicht, dieses Haus wieder zu verkaufen. Aber das Leben hat uns gelehrt, dass man besser nicht davon ausgeht, dass immer alles so bleibt wie heute.
Erst vor kurzem haben wir eine Geschichte gehört, die genau zeigt, warum Vorsicht manchmal sinnvoll ist.
Bekannte von uns erzählten, dass ihre Tochter mit ihrer Familie ein Haus mit grossem Grundstück kaufen wollte. Eigentlich ein perfekter Ort für ihre Pläne mit Tieren. Doch ein Teil des Landes war bereits an einen Bauern verpachtet.
Und dieser wollte das Land weiterhin nutzen.
Das französische Gesetz gab ihm recht.
Die junge Familie entschied sich am Ende gegen den Kauf, weil sie ihre eigenen Pläne auf dem Grundstück so nicht hätten verwirklichen können.
Wir haben also gelernt, Grosszügigkeit ist eine wunderbare Eigenschaft. Aber manchmal lohnt es sich, vorher einen Blick in die Gesetzbücher zu werfen.
Unsere Wiesen bleiben im Moment deshalb einfach das, was sie gerade sind.
Wiesen.
Und irgendwann vielleicht ein Obstgarten.
Mit Ziegen oder auch nicht und mit ein bisschen Zeit, um in Ruhe zu entscheiden.
À bientôt




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