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Arlette Pinggera

Schreiben

Meine Protagonistin hieß in Wirklichkeit nicht Johanna.

Sie war meine Urgroßtante.

Sie ging nach Amerika anstelle meiner Urgrossmutter.

Doch fangen wir von vorne an.

Meine Grosstante Frieda, jüngste Tochter von Marianna und Friedrich, erzählte mir eines Tages eine Geschichte. Frieda war zu diesem Zeitpunkt bereits 96 Jahre alt. 

Die Geschwister ihrer Mutter waren alle nach Amerika ausgewandert und Marianna war die einzige, die im Diemtigtal blieb. Eines Tages, kurz bevor sie und Friedrich heiraten 

wollten, zwei Jahre bevor ihr erstes Kind zur Welt kam, war ein Brief von ihrem Bruder David eingetroffen. Er schrieb, seine Frau sei verstorben und er benötige Hilfe, um das Baby Clara zu versorgen. Er bat seinen Vater, ihm Marianna zu schicken. Meine Urgroßmutter weigerte sich standhaft. Und so wurde die Jüngste nach Amerika geschickt.

Diese Geschichte blieb bei mir hängen, Jahre lang. Ich fand die Vorstellung, 1903 als junge Frau diese Reise alleine zu bewältigen, ungeheuerlich.

Und dann war da noch der Gedanke, uns alle, die nach Marianna und Friedrich kamen,

würde es nicht geben.

Meine Grosstante Frieda ist im selben Jahr, in dem sie mir die Geschichte erzählte in ein Altersheim umgezogen und ich besuchte sie noch ein paar Mal, doch wir haben nie mehr 

darüber geredet. 2021, ein paar wenige Tage vor ihrem 101 Geburtstag, ist sie verstorben.

Im Frühjahr 2026 habe ich damit begonnen, in meiner Verwandtschaft herum zu fragen, ob irgendjemand Informationen darüber hat, wer diese jüngste Schwester meiner Urgroßmutter war. Da gab es alte Fotos, Bemühungen, Interesse und auch ein

«Lassen wir die Toten ruhen.» von einer Cousine meiner Mutter.

Meine Mutter selbst, konnte ich nicht fragen, da sie an Alzheimer erkrankt ist.

Am Ende stand der Name Süsikäthi im Raum, aber niemand war sich sicher. 

Die Gemeinde Diemtigen hatte ich per E-Mail angeschrieben und bekam die Antwort,

sie könnten mir leider nicht weiterhelfen, da der Großteil der Akten beim Unwetter 2005 

zerstört wurden.

Dann erinnerte sich mein Vater, an einen Verwandten in Amerika, mit dem er früher

in E-Mail Kontakt war und sendete mir die Adresse. Und so lernte ich David Grimm

kennen. Der Enkel eben dieser Süsikäthi.

Plötzlich verfügte ich über Geburts- und Sterbedaten, wusste ungefähr, wann Süsikäthi das Diemtigtal verlassen hatte, kannte in etwa den Weg, den sie genommen hatte.

 

Ich hatte ein paar Namen. Einige Daten. Ein paar Orte. Und eine Geschichte,

die seit Jahren in mir nachhallte. Also begann ich zu schreiben.

Vielleicht wird es nie ganz fertig. Und genau das gefällt uns.

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